Apr 21 2008
Ist eine Schuldnerberatung zum Nulltarif seriös?
Die Vielzahl von Gesprächen mit Betroffenen und „normalen“ Bürgern zeigt eine andere Stimmung: Die herrschende Meinung ist sogar: Wer in eine finanzielle Krise gerät, soll auch aus seiner eigenen Verantwortung heraus – und nicht auf unser aller Kosten – versuchen, seine Angelegenheiten zu regulieren. Viele, die dieser, ihrer eigenen Verantwortung gerecht werden sind empört darüber, dass der Weg über eine Schuldenregulierung auf Staatskosten und hier ist vor allem die vorgeschaltete Beratung angesprochen, so leicht ist. Man suche einfach eine staatlich finanzierte Schuldnerberatungsstelle auf, die nicht selten ohne viel Energie in den Versuch einer außergerichtlichen Einigung zu stecken, geradewegs in das Insolvenzverfahren steuert, denn das wird es schon richten. Aber weit gefehlt. Die Erfahrung zeigt leider, dass viele Schuldner total unvorbereitet in ein solches Verfahren schlittern. Und in vielen Fällen sind Zweifel angebracht, warum es überhaupt so weit gekommen war, z.B. wenn die spätere Realisierung von Vermögensgegenständen zu Gunsten der Insolvenzmasse durchaus auf andere Optionen hätte schließen lassen. Das Insolvenzverfahren sollte immer die letzte aller Möglichkeiten zur Schuldenregulierung sein. Dabei ist das Insolvenzverfahren, ein sehr wichtiges Instrument, um dem redlichen Schuldner einen wirklichen Neuanfang zu ermöglichen. (Die in diesem Zusammenhang beabsichtigte Neuregelung hinsichtlich der Stundung der Verfahrenskosten scheint in Anbetracht der tatsächlichen Verfahrensabläufe fragwürdig. Denn in vielen Fällen wird durch Einnahmen während Laufzeit des Verfahrens die Kostendeckung erreicht.)
Aber, und das sei an dieser Stelle ganz klar gesagt: Natürlich leben wir in einer Solidargemeinschaft, die allen Bürgern, die ihre Angelegenheiten aus eigener Kraft nicht mehr regeln können, Unterstützung zu gewähren hat. Und deswegen ist es außerordentlich wichtig nicht nur eine gerichtliche Schuldenregulierung, sondern auch staatlich finanzierte, für den Schuldner kostenfreie Schuldnerberatung vorzuhalten, aber nicht ausschließlich! Denn anders als diese „öffentlichen“ Stellen, die sehr oft unter dem Druck stehen, die Finanzierung aus dem Staatssäckel durch eine entsprechend hohe „Schlagzahl“ von Beratungen und Insolvenzanträgen zu legitimieren, sehen die seriösen freien Beratungsstellen, ihren Ansatz noch viel eher in einer fallorientierten ganzheitlichen Beratung und langfristigen Betreuung.
Man fragt sich, warum überhaupt die pauschale Diskussion über die Seriosität der freien (gewerblich tätigen = eigenfinanzierten) Beratungsstellen immer wieder gepuscht wird und diese dann in dem Zwang stehen, ihre, oft idealistische Tätigkeit ständig rechtfertigen zu müssen. Natürlich gibt es hier „schwarze Schafe“ - wie in allen anderen Bereichen auch, seien es die Inkassounternehmen, Vermögensberater, Immobilienmakler, Kreditvermittler, Finanzmakler etc. auch. Aber in keinem anderen Bereich, der sich letztlich zur Aufgabe gemacht hat, das vielleicht noch zu retten oder zu regulieren, was in den vorgenannten Bereichen eben „schief“ gelaufen ist, wird ein scharfes Schwert gegen die geführt, die hier fundierte fachliche Hilfe anbieten und sich gleichzeitig dem freien Markt unterwerfen. Dabei steht außer Frage, dass diejenigen, die nur die „Abzocke“ vor Augen haben und zwar in allen Bereichen nichts auf dem Spielfeld verloren haben! Hier ist eine Abstrafung zwingend geboten. Doch scheint es mitunter den Diskussionsführern etwas schwer zu fallen, hier genauer hinzuschauen. Die Methode, die Konkurrenz – ob gut oder böse – mit einem Streich durch schlagkräftige Parolen ausschalten zu können, scheint bei den politischen Entscheidungsträgern sogar unreflektiert anzukommen. Was oder wer steckt dahinter? Was gilt es zu schützen?
Geht es bei diesem Machtspiel überhaupt um die Schuldner? Oder vielleicht doch vielmehr darum, die Pfründe, die sich die staatlich finanzierten Stellen durch massive Lobbyarbeit über die Jahre angeeignet haben, zu sichern und zu zementieren. Auf den Gedanken kann man ohne Weiteres kommen, wenn die Entwicklung der Schuldnerberatung insgesamt ins Blickfeld gerät. Denn eigentlich ist nicht davon auszugehen, dass die Lösungen finanzwirtschaftlicher Problemstellungen eine ureigenste Aufgabe z. B. von karitativen, kirchlichen Einrichtungen wäre.
Nun wird gerne immer wieder angeführt, dass sich die Staatsausgaben für die Einrichtung und Unterhaltung dieser Stellen, einschließlich der Personalkosten durchaus rechnen, ja es wird sogar statistisch unterlegt, es hätte eine gesamtwirtschaftlich positiv Auswirkung. Bei genauerer Betrachtung fällt allerdings auf, dass es sowohl Gewinner und Verlierer gibt. Und es besteht ein Netzwerk von Verstrickungen verschiedenster Interessen, deren Vertreter durch diese Prozesse „verdienen“ - und erst am Ende der Kette steht der Schuldner, der zwar seine Schulden los wird, aber auch sein Vermögen und sehr oft - nicht nur wirtschaftlich - wieder ganz von vorne anfangen muss. (Selbstverständlich ist hier nur von dem redlichen Schuldner die Rede.)
Ein weiteres Schlagwort ist die Behauptung, gewerbliche Schuldnerberatungsstellen würden dem Schuldner noch das letzte Hemd rauben. (Sind es nicht eher die Finanzdienstleister und -makler, Kreditvermittler, die vermeintlich guten Vermögensberater etc. die hier den Weg in die Misere bereiten.) Nein, eine seriöse Schuldnerberatungsstelle wird immer prüfen, ob der Schuldner sich die eigenverantwortliche Schuldenregulierung „leisten“ kann oder, ob er auf die staatliche Hilfe zurückgreifen sollte und hier gerne weitervermitteln. Gleichzeitig ist es ein ziemlich schwaches Argument, denn mit der Verwaltung von Vermögen lässt sich doch viel eher Geld verdienen als mit der Regulierung der daraus resultierenden Schulden.
Fazit: Es geht nicht um die Kritik an der Arbeit der gemeinnützigen und staatlichen Einrichtungen! Hier wird durchweg gute und wichtige Arbeit geleistet. Und dieses Angebot ist unersetzlich für alle, die darauf angewiesen sind. Aber sollte hier nicht auch Gleichberechtigung herrschen?? Kann es nicht ein friedliches Miteinander im fairen Wettbewerb und auf die einzelnen Bedürfnisse zugeschnittene Angebote geben. Kann es wirklich sein, dass das Kriterium staatlich oder eigenfinanziert der Maßstab für die Seriosität einer Schuldnerberatungsstelle ist? Mit welcher Legitimation werden dann Wohlfahrtsverbände, kirchliche Einrichtungen etc. bevorzugt gefördert, und andere vielleicht auf Grund der Qualifikation und Erfahrung doch zumindest als genauso geeignet anzusehende Personen und Stellen erhalten keine Fördermittel? Wenn es nur staatlich finanzierte Schuldnerberatungsstellen geben sollte, müsste dann nicht ein gerechtes und gleichberechtigtes Anerkennungssystem eingeführt werden. Und es sei die Frage erlaubt: Wieso sind z.B. Steuerberater und Wirtschaftsprüfer per se in den Kreis, der als geeignet anzusehenden Personen berufen, obwohl diese doch ganz zwingend und maßgeblich ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen vertreten (müssen).
Schließlich sei angemerkt, dass die vorhandenen staatlichen Einrichtungen dem quantitativen Bedarf an Beratung nicht im mindesten gerecht werden (können). Es müsste eine Vielzahl von weiteren Einrichtungen geschaffen werden, um eine zeitnahe adäquate Hilfe für die Betroffenen zu gewährleisten.
Keine Kommentare









